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7Oct/101

Urlaub am Meer (Teil 3)

Recycling der besonderen Art

u31Bei einem abendlichen Gespräch mit unseren Freunden über die unübersehbare „Plastikflut“ hatte Hans eine zwar gewagte, aber angesichts der unleugbaren Tatsachen vielleicht nicht ganz unrealistische Zukunftsvision. Er meinte dass es spätestens für die Kinder unserer Kinder völlig normal sein würde, auf „Plastikstränden“ Urlaub zu machen. Plastik statt Schotter, Sand und Fels – teilweise ja heute schon Realität. Man könnte es auch als eine spezielle Art von Recycling sehen. Denn in der Argumentation mancher Zeitgenossen wird ja praktisch jede über den primären Verwendungszweck hinausgehende Existenz von Plastikprodukten als Recycling bezeichnet. Vielleicht muss man es den Menschen ja nur richtig verkaufen und sie werden eines Tages auf den schönen, bunten Plastikstränden ganz glücklich sein….
Gegen solche und ähnliche zynische Gedanken musste ich im Laufe dieses Urlaubes des Öfteren ankämpfen. Und dabei war auch mir nicht zuletzt das altbekannte und bewährte Ausblenden hilfreich. Als wir dann gegen Ende des Urlaubs erfuhren, dass „unsere“ schöne Bucht nicht von Natur aus nahezu plastikfrei war, sondern einfach regelmäßig gesäubert wird und ich bei einem Strandlauf schließlich in der Nachbarbucht das Ergebnis dieser Sammelaktionen entdeckte, konnte mich das gar nicht mehr besonders erschüttern. Auch hierzu gibt es aber natürlich ein Foto!

Die Sinnfrage

Urlaub am MeerIch muss zugeben, dass mir unser kleines Experiment an den Stränden von Vis einige Male fast sinnlos erschien – ein kleines Sandkorn in einem riesigen Plastikuniversum!
Doch die Anflüge von Resignation währten zum Glück nur kurz. Die Strände von Vis haben mir ob ihres extremen Kontrastes von unglaublicher Schönheit und Zerstörung nicht nur Tränen der Fassungslosigkeit beschert, nein, sie haben auch meinen Widerstandsgeist ganz extrem angestachelt, ganz ähnlich wie es vor fast einem Jahr durch „Plastic Planet“ passiert ist. Die mir so bekannte Gefühlsmischung aus Trotz, Eigensinn, Mut und Leidenschaft half mir schließlich, den Fokus wieder dorthin zu legen, wo die Ohnmacht endet und die eigene Verantwortung beginnt.
Nachdem sich in einem von Peter etwas bruchstückhaft gedolmetschten Gespräch mit unserer Vermieterin unsere Vermutung bestätigt hatte, dass es auf Vis keine Mülltrennung gibt (im Gegensatz zum kroatischen Festland), beschlossen wir also unseren Müll wieder mit nach Hause zu nehmen. So landeten also alle mitgebrachten und vor Ort gekauften Gläser und Flaschen, Metalldeckel, Karton- und Papierverpackungen, sowie die „Plastiksünden“ dieses Urlaubs (eine 1Liter Joghurtflasche und 2 Chipsverpackungen) wieder in unserem Kofferraum. Nur der Biomüll blieb auf der Insel.

Urlaub am MeerUnd sogar beim Einkaufen, das hier wirklich von Plastik geprägt ist (sogar einzelne PET-Flaschen ließen sich die Leute teilweise in Plastiksackerl verpacken und selbst das Bier ist hiervor Plastikflaschen nicht sicher!), gab es letztlich noch kleine Erfolgserlebnisse. Peters erster Weineinkauf direkt beim Weinbauern war noch ein wenig schwierig, obwohl der Wein selbst zum Glück noch in Glasflaschen verkauft wird. Doch bevor er sich versah, waren die Weinflaschen schon in Plastiksackerln verpackt. Als Peter diese mit Hinweis auf die mitgebrachten Stofftasche ablehnte, wollte der bemühte Weinverkäufer ihm die Flaschen samt Plastiksackerln in die Tasche stellen und erst nachdem auch das an Peters zähem Widerstand gescheitert war, „verstand“ er schließlich, stellte die Weinflaschen unverpackt in die Stofftasche, knüllte die Plastiksackerln zusammen und warf sie zum Müll…
Dafür reagierten sowohl der Bäcker, der jeden Morgen nach Rucavac kam, als auch die Obst - und Gemüseverkäuferin äußerst aufmerksam auf unsere speziellen Wünsche. Schon beim 2. Einkauf ließ der Bäcker ohne weitere Aufforderung das Plastiksackerl liegen und füllte mir Brot und Gebäck in die mitgebrachte Tasche.
Und die Obst -und Gemüseverkäuferin war überhaupt sensationell. Trotz sprachlicher Barriere interpretierte sie meine hilflosen Versuche, ihr zu erklären, dass ich trotz heillos überfüllter Stofftasche für die Erdäpfel kein Extraplastiksackerl wollte richtig und kramte lächelnd ein Papiersackerl hinter ihren Gemüsekisten hervor.

Urlaub am MeerUnser Weineinkauf im Hafen von Vis direkt vor der Abreise war dann auch noch ein wirklich versöhnlicher Abschluss: Als wir der dortigen Verkäuferin unser Stoffsackerl vor die Nase hielten, um sie gar nicht erst auf die Idee kommen zu lassen, nach den omnipräsenten Plastiksackerln zu greifen, nickte sie verständnisvoll und sagte:“ Oh yes, I understand, it´s really terrible, this plastic…!“ In diesem Moment hätte ich die gute Frau am liebsten umarmt.Als wir die Insel Vis schließlich hinter uns ließen und von der Ferne wieder alles so heil aussah, bemerkte ich plötzlich, das das Zweifeln und Hadern, der letzten Tage vorbei war. Und ich war mir plötzlich wieder sicher, dass die Menschheit nicht nur eine ungehörig große zerstörerische Kraft besitzt, sondern sich auch nach Schönheit, Unberührtheit und Lebendigkeit sehnt. Das ist die große Hoffnung, die ich trotz aller Realitäten aus dem heurigen Sommer mitnehme.

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Kommentare (1) Trackbacks (0)
  1. Aber wie lange soll das denn noch so sein, ich glaube nicht mehr lange

    [Reply]


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