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29Oct/129

Sind wir Konsumioten?

Ich habe gerade die (sehr polemische, tragisch- komische aber jedenfalls sehr empfehlenswerte) Streitschrift von Michael Schmidt-Salomon "Keine Macht den Doofen" gelesen.  Im Zusammenhang mit unintelligenten Verhaltensweisen von religösen Gemeinschaften, Politikern, Ökonomen usw. spricht er von Religioten, Politioten und Ökonomioten... Und er hat mich mit seinen Wortschöpfungen inspiriert.

Das Funktionieren unseres gesamten Wirtschaftssystems scheint ja davon abzuhängen, dass wir ständig und im Übermaß kaufen, verbrauchen, verschwenden, wegwerfen und wieder neu kaufen. Der Glaube daran, dass das so sein muss, wird beständig genährt durch absurde Vorstellungen von immerwährendem Wirtschaftswachstum und Horrorszenarien von drohender Arbeitslosigkeit und Finanzkrise.

Während Postämter geschlossen, Bahn – und Buslinien eingestellt, Sozialleistungen, Bildungs- und Gesundheitsausgaben gekürzt werden (hierzulande pflegt man das "Sparen" zu nennen und komischerweise spielen hier die Arbeitsplätze auf einmal keine Rolle) und wir alle angeblich "den Gürtel enger schnallen müssen", braucht "die Wirtschaft" uns andererseits doch weiterhin als getreue, möglichst "denkfreie", dafür aber umso kaufwütigere Konsumioten!

Während "wir alle" uns schön brav darin fügen, dass die grundlegendsten Errungenschaften  einer sozialen Gesellschaft systematisch ausgehöhlt und kaputtgeredet werden, weil wir sie uns angeblich nicht mehr leisten können, sollen wir weiterhin munter drauflos konsumieren, um gemeinsam mit Konzernen die trotz Milliardenumsätze aus "Effizienzgründen" Mitarbeiter auf die Straße setzen und /oder ihre Produktionsstätten in Billiglohnländer auslagern, dazu beizutragen dass die einen immer mehr, die anderen immer weniger und am Schluss wir alle keine reale Lebensgrundlage mehr haben.

Aber sind wir wirklich solche unverbesserlichen Konsumioten?

Oder spüren nicht längst viele von uns, dass hier etwas gänzlich falsch läuft. Dass es sich nicht ausgeht, immer weniger in eine funktionierende Gesellschaft zu investieren und gleichzeitig den Menschen einreden zu wollen, dass sie nur genug konsumieren müssen und alles wird gut. Dass die Wirtschaft ins Unendliche wächst und irgendwoher dann schon der ganze "Stoff" kommen wird, den sie dazu braucht, notfalls von einem anderen Planeten. (Heuer war der so genannte "Welterschöpfungstag" immerhin schon am 21. August).

Sind wir  - um mit den Worten von Michael Schmidt-Salmomon zu sprechen -  tatsächlich dazu verdammt unser Dasein als eine Sonderform des "Homo demens" (des "irren, wahnsinnigen Menschen") zu fristen oder schaffen wir (als Gesellschaft und nicht nur im Einzelfall) den Sprung zum echten Homo sapiens doch noch rechtzeitig?

Ist es nicht längst an der Zeit unsere geistigen und sozialen Kompetenzen mit dem hohen Stand unserer technischen Entwicklung in Einklang zu bringen und alles zusammen dazu zu nutzen, uns endlich aus dem Diktat eines nicht nur menschenverachtenden sondern vor allem auch offensichtlich nicht funktionierenden Sytems zu befreien?

Eines der schönsten Ergebnisse aus unserem nunmehr schon 3 Jahre dauernden Experiment ist, dass anders Denken, anders Glauben und anders Handeln tatsächlich auch eine andere Realität erzeugen können und dass Visionen von einer anderen, einer besseren Welt genau dort realistisch werden, wo aus der Erkenntnis, dass es "so nicht weitergeht" eine konkrete Entscheidung zur Veränderung fällt.

Wenn wir keine Konsumioten (mehr) sein wollen, müssen wir anders entscheiden als bisher: Für mehr Zeit, für wertschätzenderen Umgang mit unseren Ressourcen, für Produkte und Dienstleistungen, die wir tatsächlich brauchen, um gut leben zu können, für Verbesserung der Qualität bei gleichzeitiger Verringerung der Quantität, für ein Ende der weltweiten Misswirtschaft und eine Wirtschaft, die diesen Namen wieder verdient. Für eine Zukunft, die wir unseren Kindern und Kindeskindern wünschen. Und nicht zuletzt für eine Politik, die dafür die nötigen Rahmendbedingungen schafft.

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Kommentare (9) Trackbacks (1)
  1. Ich unterschreibe jedes einzelne Wort von dir!! Diese Sache mit dem ewigen Wirtschaftswachstum, ich mein, das müssen doch auch vollkommene Idioten kapieren, dass sich das auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen nicht ausgehen kann, oder? Nichtsdestotrotz darf man von den Leuten nicht erwarten, vom Konsumidiot einfach so nirnixdirnix zum perfekten Ressourcenschoner zu mutieren. Ich freue mich inzwischen über jeden kleinen Schritt, den ich, den aber auch die Leute rund um mich machen in Richtung einer besseren Welt. Und so sehr ich mich bemühe, auch ich bin hin und wieder nicht gefeit vor den Konsumversuchungen…. Es ist einfach sehr schwierig, diese Diskussion objektiv zu führen, weil man selbst dem perfektesten Ressourcenschoner noch vorwerfen kann, er/sie mache etwas falsch (”Ahaaa, kein Plastik? Und was ist mit den Regenjacken?” zB). Das einzige, was in meinen Augen gar nicht geht, ist dieses Konsumopfertum, dieses völlige sich Ergeben den Konsumversuchungen….

    [Reply]

  2. Ich bin schon seit einiger Zeit der Meinung, dass Wachstum als Wirtschaftsfaktor ausgdient hat.
    Wir sollen Ressourcen schonen, Energie sparen, Müll vermeiden…
    Wohin sollen wir denn da eigentlich noch wachsen?
    In Griechenland sieht man, wohin das Sparen führt. Löhne und Sozialleistungen werden gekürzt, sodass die Bürger kaum noch kaufen können, was sie brauchen.
    Andererseits wächst die Armut, weil auch Armut ein Wirtschaftsfaktor ist. Es verdienen sehr viele Leute an der Armut, weshalb sie nicht bekämpft wird.
    Stattdessen bemühen sich Leute, die Armut zu verwalten und die unmittelbaren Folgen der Armut zu minimieren (mit “Tafeln” etc.) – was wiederum zur Folge hat, dass kein Anreiz mehr besteht, die Ursachen der Armut zu vermeiden.
    Ich gehe ganz konform mit einem von Sandras Posts, wo sie schrieb, dass die Wohlhabenden sich beschränken müssen, weil die Armen sich an dem orientieren, was die Reichen haben.
    Wir sollten uns darauf besinnen, was wir wirklich brauchen: Gesundes ethisch erzeugtes Essen, sauberes Wasser, Kleidung, Obdach, Bildung und medizinische Versorgung.
    Das ist eine ganze Menge, wenn man es genau betrachtet.
    Und es wird einem Großteil der Menschen auf diesem Planeten vorenthalten, damit ein weiterer Teil mit Ressoucen aasen kann.
    Deswegen fordere ich jeden auf, genau zu prüfen, was er braucht und was nicht.
    Bei jedem Sück, das man im Supermarkt in die Hand nimmt, soll man sich fragen: Brauche ich das JETZT, SO, WIRKLICH?
    Wenn die Antwort NEIN lautet, sollte man es liegen lassen.

    [Reply]

    Mechthild Reply:

    Zitat:”Ich gehe ganz konform mit einem von Sandras Posts, wo sie schrieb, dass die Wohlhabenden sich beschränken müssen, weil die Armen sich an dem orientieren, was die Reichen haben.”

    Genau!
    Dies trifft sowohl für die Essgewohnheiten (auch in den sog. Entwicklungsländern sowie in China wird immer mehr Fleisch gegessen – man ahmt uns also nach), als auch bei der Mobilität (auch dort gibt es immer mehr Autos).
    Deswegen ist es wichtig, daß man den noch nicht so entwickelten Ländern klar macht, daß sie bitte, bitte unsere Fehler (als solches sehe ich unsere Konsumgewohnheiten!) nicht nachmachen sollten.

    Gleichzeitig müssen wir sie selber aber auch reduzieren, um “nicht Wasser zu predigen, aber selber Wein zu trinken”.

    [Reply]

  3. In meiner Firma wurde beschlossen, div. Geräte nicht mehr zu reparieren sondern gegen neue auszutauschen weil das billiger ist als Arbeitszeit und Ersatzteile usw…Meine Firma ist aber ein riesiger internationaler Konzern, der sich das, so sollte man glauben, allemal leisten könnte. In meinen Augen ein trauriger Rückschritt aber bestimmt kein Einzelfall.
    Am Samstag hörte ich eine Sendung auf Ö1 mit Roland Düringer der meinte, man sollte bei einem Bach im Wald nicht fragen müssen: Ist das Trinkwasser? Oder eigentlich sollte es grundsätzlich Bio-Produkte geben und nur hinund wieder künstlich veränderte Lebensmittel (habe frei zitiert). Man kann über Düringer denken wie man will aber ich hoffe, er bringt durch seine Bekanntheit ein paar Leute zum nachdenken!

    [Reply]

  4. Ganz ganz toller Post, liebe Sandra! Ich kann dir nur zustimmen und ja, es wäre in der Tat längst an der Zeit, uns von diesem System zu befreien.
    (Ich habe einen deiner obigen Sätze zitiert, um die Leser meines Blogs auf deinen tollen Text hinzuweisen, hoffe, das ist ok.)
    LG aus Wien,
    evi

    [Reply]

    Sandra Krautwaschl Reply:

    Danke!! Ist natürlich schwer ok!

    [Reply]

  5. Liebe Sandra,
    du sprichst mir in vielerlei Hinsicht aus der Seele! Ich lese gerade dein Buch und bin immer wieder beeindruckt, wie du dich mit deiner Familie dem Mainstream entziehst und ihr euer eigenes Ding so konsequent durchzieht. Seit Filmen wie “Plastic Planet”, “Good food, bad food”, “We feed the world”, “Taste the waste” usw. bin auch ich immer mehr dabei, mein Leben zu ändern. Da ich schon gute Erfahrungen mit dem Vegetarier-Dasein gemacht habe, und auch in vielerlei anderer Hinsicht nie das Bedürfnisse hatte mit Trends oder der Mode mitzugehen, bin ich zuversichtlich, noch viel mehr in meinem Konsumverhalten ändern zu können. Ich empfinde es ehrlich gesagt auch als wahnsinnig anstrengend und belastend, ständig dem hinterherzurennen, was uns die Werbung als Lösung für ein Bedürfnis, das sie eben erst geweckt hat, vorstellt. Leider scheint es unserem momentanen Wirtschafts- und damit auch polititschem System inhärent zu sein, ständig auf Wachstum aus zu sein. Ein Gleich-Bleiben der Umsätze ist gleichbedeutend mit Verlust! Das ist objektiv betrachtet schon ziemlich grotesk… Man sehe sich nur mal China an, die nahezu Panik schieben, nur weil das Wachstum nicht mehr im zweistelligen Bereich liegt. Ist denn niemandem klar, das Wachstum begrenzt sein muss, weil wir keine unendlichen Ressourcen haben?? Ein Landsmann von dir, der “Weltenbummler” G. Sieböck, hat das in seinem Buch mit einem Gleichnis einleuchtend auf die Spitze getrieben. Ich kann es nicht mehr genau wiedergeben, aber es ging vom Prinzip her so, dass man sich vorstellen solle, Joseph hätte bei Jesus Geburt 5 Cent oder so angelegt zu einer heutzutage üblichen Verzinsung. Heute wäre sein Guthaben so hoch, dass alles Gold der Welt nicht ausreichen würde, um ihn auszuzahlen. Als er die Geschichte gehört hat, hat Sieböck konsequenterweise seine Bank angeschrieben und darum gebeten, die Zinszahlungen auf sein Konto einzustellen. Ich fand das erst eine etwas übetriebene Reaktion, im Nachhinein aber beeindruckend konsequent.
    Es gefällt mir übrigens sehr gut, wie du im Buch die Entwicklung vom Anti-Plastik-Denken hin zum allgemein konsumkritischen Denken beschreibst! Das erweitert den Fokus enorm und rückt dem eigentlichen Problem unserer Zeit sehr viel näher, als “nur” Plastik-Produkte anzuprangern. Auch ich denke, dass es an der Zeit ist, durch unser Konsumverhalten und die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung eine Veränderung herbeizuführen. Leider ist vielen Menschen nicht bewusst, dass wir mit unseren täglichen Einkäufen alle möglichen Dinge unterstützen, die die meisten bei purer Darlegung der Fakten verurteilen würden (z.B. Kinderarbeit, Raubbau, Tierquälerei etc.). Das muss sich ändern! Wir müssen lernen das Medium des Kapitalismus, nämlich das Kapital, zu benutzen, um die Veränderungen herbeizuführen, die so dringend notwendig sind.
    Ich frage mich übrigens, warum du immer noch von einem “Experiment” sprichst! Das klingt irgendwie so, als wäre es für dich immer noch möglich, dass eure Lebensart nicht funktioniert? Kann man nach 3 offensichtlich erfolgreichen Jahren nicht eher von einem “Lebensstil” sprechen? Es scheint ja durchaus praktikabel zu sein, was du mit deiner Familie vorlebst.
    Liebe Grüße und macht weiter so!
    Vanni

    [Reply]

    Sandra Reply:

    Liebe Vanni!

    Vielen Dank für Deine ausführliche und bestärkende Rückmeldung!
    Am Ende meines Buches wirst Du sehen, dass ich bereits (das ist nun immerhin auch schon wieder gut ein Jahr her) damals zum Schluss gekommen bin, dass es sich nun um kein Experiment mehr handelt,…aber ich will nicht zu viel verraten. :-)

    LG SAndra

    [Reply]


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