Kein Heim fuer Plastik Kein Heim Heim fuer Plastik Plastic Planet Das Buch zum Film bestellen
7Apr/129

Der Luxus des Verzichts

Mein gestriges Telefoninterview mit einem Berliner Radiosender, zum Thema Verzicht, hat mich nachdenklich gestimmt.

Die Frage, worauf wir verzichten oder wie es uns mit dem Verzicht geht, kam während unseres Experiments ja unzählige Male.

Ich konnte mit der Frage oft nicht allzu viel anfangen, weil sie meist implizit voraussetzte, dass uns irgendetwas abgeht oder fehlt. Oft war wohl eher Entbehrung als Verzicht gemeint.

Schränkt Verzicht unsere Freiheit ein?

Was bedeutet eigentlich Verzicht in einer Welt voller Überfluss? Unsere Art des Verzichts hat für mich eigentlich hauptsächlich mit der Identifizierung des Überflüssigen zu tun.

Diese Art des Verzichts ist eigentlich nur aus einer Luxusposition heraus möglich. Wir haben alles, was wir brauchen und mehr und eigentlich haben wir auch ganz viel, was wir gar nicht oder jedenfalls nicht in diesem Ausmaß brauchen.

Die Fastenzeit scheint für viele Menschen – auch unabhängig von religiösen Motiven – ein willkommener Anlass zu sein, dem Überfluss zumindest kurzfristig Einhalt zu gebieten.

Kein Kaffee, keine Süßigkeiten, keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Fleisch, keine neuen Kleidungsstücke und noch viele andere Formen das individuellen, freiwilligen Verzichts sind mir in den letzten Wochen untergekommen. Ja, wir alle oder zumindest die überwiegende Mehrheit der Menschen hier in Österreich – können uns den Luxus des Verzichts leisten. Es gibt in unserem Alltag unzählige Güter und Gewohnheiten, die nicht existenziell wichtig für unser Überleben, ja nicht einmal für unser Wohlbefinden sind.

Was ist aber dann mit dem in den letzten 2einhalb Jahren oft gehörten Argument, man könne sich "plastikfreien" Einkauf nicht leisten. Sind das wirklich alles nur Ausreden? Ich war manchmal geneigt, das so zu sehen. Allerdings muss, ich dazu sagen, dass die meisten Menschen, mit denen ich überhaupt in Diskussion kam, nicht den Eindruck machten, weniger Wahlmöglichkeiten zu haben, als wir.

Aber was ist mit den Diskussionen, die ich nicht geführt habe?

Vielleicht deshalb nicht, weil zum Beispiel ein allein erziehender Elternteil mit zwei oder drei Kindern, der sich tatsächlich entscheiden muss, ob man sich einen gemeinsamen Kinobesuch leistet oder lieber Biolebensmittel für diese Woche einkaufen möchte, nicht auch noch Zeit hat, zu einer Diskussionsveranstaltung zu gehen und sich mit der Verpackung des Einkaufs auseinander zu setzen.

Oder ein alter, gehbehinderter Mensch mit Mindestpension, der sich einfach nur mehr über die plastikverpackten Billigangebote beim nächstgelegenen Supermarkt einigermaßen selbst versorgen kann, kein Interesse mehr daran hat, welche Schadstoffe sich möglicherweise beim Aufwärmen in der Mikrowelle aus der Plastikverpackung seiner Fertiggerichte lösen könnten.

Ist unser Verzicht aus dem Luxus heraus so gesehen gar überheblich?

Mit diesem Vorwurf wurde ich seit Beginn unseres Experiments immer wieder mal konfrontiert, was mir natürlich zu denken gegeben hat. Doch ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass schlechtes Gewissen auch in diesem Fall so gut wie nichts bringt.

Im Gegenteil: So lange ich zu denen gehöre, die aus dem Vollen schöpfen können, empfinde ich nun mal die Verpflichtung, so verantwortungsvoll wie möglich damit umzugehen. Diejenigen, die diese Möglichkeiten nicht haben oder gar völlig außerhalb der Überflussgesellschaft stehen, orientieren sich ja trotzdem an den immer höher geschraubten Ansprüchen unseres Systems. Wenn wir, die wir uns den „Luxus des Verzichts“ leisten können, nicht damit anfangen, wer soll es dann tun?

Ich jedenfalls sehe meine Sozialisation in der Wegwerfgesellschaft und mein Leben im Überfluss zunehmend als Auftrag.

Ja, ich kann es mir leisten, weniger zu verbrauchen, weniger Müll zu produzieren, weniger Auto zu fahren, keine Flugreisen zu machen, ich kann es mir leisten, Diskussionen zu führen, mich politisch zu engagieren, mich in vielen Fällen, dem Mainstream entgegen zu stellen.

Die Vorstellung, dass es sehr viele Menschen gibt, die sich das auch leisten können, stimmt mich in gewisser Weise hoffnungsvoll (obwohl ich zugeben muss, dass ich manchen von ihnen hin und wieder auch gerne einen Tritt in das bequem sitzende Hinterteil verpassen würde:-)).

Wir könnten alle gemeinsam Vorbilder werden für einen neuen, zukunftstauglichen und nicht zuletzt auch sozial verträglicheren Lebensstil. Es macht Sinn, wenn wir in unserem eigenen Umfeld beginnen, das Überflüssige zu reduzieren, es macht Sinn, am Bild eines alternativen und modernen Lebensstils mit zu arbeiten. So gesehen muss freiwilliger Verzicht nicht überheblich sein, sondern kann uns helfen, Sichtweisen zu verändern und unsere Wahlmöglichkeiten zu erweitern.

Gefällt dir der Beitrag?

Abonniere den RSS feed!

Über Sandra

Keine Beschreibung des Users. Bitte fülle dein Profil aus.
Kommentare (9) Trackbacks (0)
  1. Obwohl ich es mit Kirche oder gar Katholizismus so gar nicht habe, fallen mir zum Thema “Verzicht” einige Gedanken des Abtprimus Notker Wolf ein. Dieser so gar nicht weltfremde Mönch schreibt sinngemäß, dass Verzicht eine Form von Freiheit sei. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, was man haben möchte und was eben nicht. Das schließt explizit das ein, was du sagst, nämlich, dass manche Menschen diese Freiheit nicht haben: Denen, die ohnehin schon Mühe haben, sich auch nur das Nötigste zu beschaffen. Vielmehr ist die Verantwortung gemeint, die wir gegenüber uns selbst, der Natur und den Mitmenschen haben. Wieviel bleibt für andere übrig, wenn ich mir alles nehme (oder zumindest alles, was ich kriegen kann)? Wen zwinge ich zum Verzicht, wenn ich alles möglichst billig will, weil ich dann genug Geld übrig habe, um mir noch mehr zu kaufen? Macht mich Konsum wirklich glücklich oder stiehlt er mir nicht vielmehr Zeit, die ich für anderes dann nicht mehr übrig habe?
    Immer mehr komme ich zu dem Glauben, dass nicht Plastik der Übeltäter ist, sondern vielmehr unsere Gier. Eine Plastikschüssel ist billiger als eine aus Glas oder Edelstahl – also kaufe ich da gleich zwei (oder drei…). Ich muss da auch nicht so drauf aufpassen, sondern kaufe mir einfach eine neue, wenn sie unansehnlich ist. Diese Gier, diese Instant-Mentalität (alles gleich, alles sofort, alles jederzeit und wenn es nicht so funktioniert wie erwartet: Weg damit!) hat leider nicht nur unser Konsumverhalten, sondern auch unseren Geist infiziert. Wir konsumieren nicht nur Essen, Kleidung, Haushaltsartikel, sondern auch Musik, Dienstleistungen, geistige Werte und die Beziehungen zu anderen Menschen.
    Das lateinische Wort “consumare” heißt soviel wie “aufzehren” und legt die Annahme nahe, dass danach eigentlich nichts mehr vom Konsumierten übrig bleibt.
    Bei unserem heutigen Konsum bleibt allerdings jede Menge übrig: Müll, der uns krank machen kann, Essen, das andere vorm Verhungern retten könnte und ihnen doch nicht zuteil wird, ausgebeutete Landschaften, überfischte Meere und geschundene Kreaturen, die wir buchstäblich bis zum letzten Tropfen ausgemolken haben und auf die zum Dank für ihre Mühen nur noch eine “Karriere” in der Katzenfutterdose wartet. Nicht zu vergessen die vielen zerstörten Seelen der Menschen, die wir ebenfalls konsumiert haben – als Arbeitnehmer, gutmütige Freunde, abgelegte “Lebensabschnittspartner” etc.
    Ich denke, was wir wirklich brauchen, ist nicht die Suche nach einem Sündenbock (ob der nun Plastik, Massentierhaltung, Globalisierung oder Politik heißt), sondern eine neue Ethik der Nachhaltigkeit. Dazu muss man nicht einmal einen Gott oder das Karma bemühen. Jede Spezies hat grundsätzlich zwei Bestrebungen: Das Überleben als Individuum und das Überleben als Spezies. Wenn wir anderen Individuen, anderen Spezies die Lebensgrundlage entziehen, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Denken wir an den alten Spruch:”Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen”.

    [Reply]

  2. danke für diese schönen gedanken! auch ich versuche, vom konsumdenken wegzukommen und mich auf das notwendigste im leben zu konzentrieren – und muss zugeben, dass mir das nicht immer leicht fällt! ;-)

    [Reply]

    Sandra Krautwaschl Reply:

    Da gehts Dir wie uns allen, aber ich denke, wer damit einmal anfängt, fängt irgendwann auch an, es zu genießen…
    Viel Glück dabei!

    LG Sandra

    [Reply]

  3. Hier ein interessanter Vortrag von Niko Peach über Postwachstumsökonomie:
    http://vimeo.com/26490404

    Gruß
    Martin

    [Reply]

  4. Oft hören wir das Argument, so ein armer Rentner oder ein HARTZ IV-ler könne sich ein nachhaltiges Leben doch gar nicht leisten. Der könne schließlich nicht alles im Bio-Markt kaufen…

    Dazu kann ich sagen:
    1. Auch ein Mensch mit äußerst geringem Einkommen kann im Rahmen seiner Möglichkeiten ethisch leben.
    Und sei es nur, dass er auf die berühmte Plastiktüte beim Einkauf verzichtet und eine Stofftasche verwendet.
    2. Zumindest in Deutschland sind die meisten Menschen eben nicht arm, sondern haben zumindest ein vernünftiges, wenn nicht gar ein gutes Einkommen. Wenn ich also alle armen Rentner, allein erziehenden Mütter und Aufstocker von der Prämisse “anständig leben” ausnähme, bliebe noch der überwiegende Teil der Bevölkerung übrig, der sich aussuchen kann, was er kaufen möchte.
    3. Ein höherer Preis bewahrt mich nicht davor, minderwertige Qualität oder ein ethisch bedenkliches Produkt einzukaufen. Wenn ich nur 89 Cent für eine Tafel Vollmilch-Schokolade ausgeben kann, habe ich sehr wahrscheinlich ein Produkt gekauft, für deren Herstellung Menschen, Tiere und Natur ausgebeutet wurden. Bezahle ich einen Euro mehr, kann ich leider immer noch nicht sicher sein, dass Kakaopflücker anständig bezahlt, keine Pestizide eingesetzt und die Milchkühe nicht buchstäblich bis aufs Blut ausgemolken werden. Fürs gleiche Geld kann ich aber ein Bio und FairTrade-Produkt erwerben, das all meine Vorgaben erfüllt. Da muss man natürlich sehr genau schauen, wofür man sein Geld ausgibt.
    4. Ein armer Bundesbürger lebt schon deshalb nachhaltiger, weil er sich keine teuren Flugreisen, vielleicht nicht einmal ein Auto leisten kann. Die Frage ist allerdings: Wenn so ein Mensch zu Geld kommt, verzichtet er dann immer noch auf die Flugreise, die Fahrt zum Bäcker? Oder meint er nicht, er habe nun so lange auf alles verzichte müssen, jetzt sei er man dran? Genau deshalb glaube ich, dass vor allem die Habenden ein soziales Vorbild sein müssen. Die, die es sich leisten können, zu wählen, haben die Veranwortung, das Richtige zu wählen. Damit “Wohlstand” nicht definiert wird als “mehr verschwenden können als andere”.

    [Reply]

    Mechthild Reply:

    Eben, viele fühlen sich vielleicht auch dem Druck ausgesetzt, durch entsprechenden Konsum den Nachbarn, Kollegen etc. zu zeigen, daß sie nun mehr Geld besitzen und sich nun auch mehr leisten können.

    Auch anders herum funktioniert es: wenn man plötzlich weniger konsumiert, sein Auto immer öfter stehen läßt und mit dem Rad fährt, wird man gefragt, ob man sich den nun so teuer gewordenen Sprit nicht mehr leisten könne.

    Dabei sehen die Leute aber nicht, daß ich beim Biogärtner auf dem Wochenmarkt einkaufe (saisonal-regional und bislang noch die üblichen kleinen Obst- und Gemüsebeutelchen so oft nutze wie möglich, nun aber auch diese Biosackerl bestellt habe – die deutsche Niederlassung ist gar nur ca. 35 km von hier entfernt!) und mir die Milch beim Biobauern, der immerhin 5 km entfernt ist, mit dem Rad abhole und nicht im billigen Discounter einkaufe.

    Naja, das teure Auto und die neue Kleidung sieht und erkennt man halt sofort, die guten, gesunden Bio-Lebensmittel aber nicht!

    Ich wohne in Niedersachsen in einer Kreisstadt auf dem Lande, die viel Werbung als fahrradfreundlicher Landkreis macht, aber wenn man dann selber fast alles per Rad macht, ist man arm?!

    Man reduziert die Zimmertemperatur auf 18°C und trägt einen warmen Pullover – natürlich nur, weil man arm ist, doch nicht aus Umweltschutzgründen, wer macht denn sowas?!

    Vielleicht sind ja viele Menschen so konsumfreudig, weil sie ähnliches befürchten, wie ich es nun erlebe: daß sie für arm gehalten werden könnten, wenn sie weniger konsumieren.

    Selbst wenn man den Leuten das ganze erklärt, glauben sie es immer noch nicht.
    Ich bin halt Frührentner, da kann das doch nicht anders sein, oder?

    Aber auch früher habe ich mich ökologisch ernährt, bin selten mal geflogen (bislang nur dreimal in meinem Leben), habe immer schon wenig geheizt, aber das zählt ja alles nicht.

    Ich sehe das Radfahren und das schmackhafte, selber zubereitete Bio-Essen jedenfalls nicht als Konsumverzicht, sondern als einen Beitrag zum gesunden Leben sowie als einen Beitrag zum Klima- und Umweltschutz.

    Was die anderen dazu meinen, ist mir egal!

    [Reply]

    Morgan Reply:

    Andersrum wird auch ein Schuh draus: Von uns weiß man, dass wir ein sehr normales Einkommen haben. Da fragt man sich (und uns) schon eher, wie wir uns das leisten können, alles beim Bio-Laden einzukaufen. Abgesehen davon, dass wir gar nicht “alles” dort kaufen, sondern nur von uns als besonders kritisch gesehene lebensmittel wie Milchprodukte, Eier und “Kolonialwaren” wie Schokolade, Bananen etc.: Man spart vor allem an dem, was man NICHT kauft.
    Und so bleibt mir meist nix anderes übrig, als mir ein dickes Fell zuzulegen und freundlich zu lächeln und es ansonsten mit den “Ärzten” zu halten:”Lasse reden.”

    [Reply]

  5. Danke für den Schubs!
    Ich will allem hier Gesagten voll zustimmen und zugleich auch eine Beichte ablegen. Ich bemühe mich schon seit langem, nachhaltig zu leben und erwische mich immer wieder beim Gegenteil. Bis eine Kopfsache auch Verhaltenssache wird dauert schon lange. Zu lange bei mir.
    Zusätzlich verfranse ich mich auch noch auf einer anderen Baustelle: Meine Mission für natürliche Ernährung, die nicht zwingend mit Nachhaltigkeit zu tun haben muss. Mein persönlicher Auftrag an mich ist sich so naturbelassen wie möglich zu ernähren und den wahnsinnigen Lebensmittelkonzernen zu entkommen. Denn der Weg führt einfach von einer Industrie in die nächste – erst Trashfood dann Pharmalobby. Und das alles schön bunt verpackt…
    Was mich aber wirklich erschreckt ist dann auf meiner persönlichen Baustelle, wie gerade Menschen mit geringem Einkommen kritiklos verpackte Fertigprodukte konsumieren. Das heißt als konkretes Beispiel im Kurs für einfaches und gesundes Kochen für die Kinder belegte Fladen kennengelernt und als gut befunden und drei Tage später im Supermarkt mit Fertig-Pizza-Trash angetroffen. Ausrede der Mutter von drei Kindern (arbeitslos!): ich habe halt nicht immer Zeit zu kochen…Das frustriert mich dann schon so, dass ich dann meine eigene Mission hinterfrage.
    Das bedeutet für mich konkret, dass es noch mehr Menschen geben muss, die Bewusstsein schaffen. Also diese Idee der Nachhaltigkeit noch präsenter leben.

    [Reply]

  6. Liebe Franziska, da musst du dir echt ein dickes Fell zulegen…
    Ich bin schon um jeden froh, den ich zumindest zum Nachdenken bringen kann 8auch, wenns dann mit der Umsetzung hapert oder – wohl begründet – ein anderer Weg gewählt wird).
    Aber solche Situationen wie die mit der TK-Pizza hab ich auch schon erlebt.
    Krassestes Beispiel: Als die Nachrichten die Meldung von den erstickten Wiesenhof-Hühnern brachten, rief mich eine Bekannte tränenaufgelöst an, weil ihr die Tiere so Leid taten. Keine zwei Tage später “erwische” ich sie dabei, sich ein ebensolches Huhn aus der TK-Truhe zu angeln! Begründung: Wenn ICH das Huhn nicht kaufe, kaufts halt ein anderer!
    Da ist selbst mir nix mehr eingefallen.
    Hält mich aber nicht davon ab, gemeinsam mit meinem mann unseren Nachhaltigkeits-Weg weiterzugehen. Mit vielen Kompromissen und Rückschlägen zwar, aber die Linie stimmt!

    [Reply]


Hinterlasse ein Kommentar


No trackbacks yet.